ÜBER KUNST UND KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN

Ein Gespräch zwischen Alfred Lichter und Werner Krüger

Herr Lichter, das letzte Bild Ihrer Capriccio-Serie ist eine schwarze Leinwand. Nach sehr viel
Farbigkeit bockt sich da fast unerwartet Schwarz auf. Das ist doch gewiss kein Zufall?


A.L.: Schwarz habe ich ganz bewusst gewählt, weil ich glaube, dass sich in Schwarz das
Fehlen aller Farben trifft. Wie übrigens das Weiß die Summe aller Farben ist. Jede Nuance
von Farbigkeit kommt verdeckt in Schwarz und in Weiß zur Geltung. Sicherlich hat Schwarz
eine deutliche Symbolkraft. Wie für einen Japaner das Weiß, so ist für mich das Schwarz die
Todesfarbe. Weiß und Schwarz sind etwas Absolutes, etwas Endgültiges.


W.K.: In Ihrem Werk überwiegt der Gegenstand. Im Alter wenden Sie sich abstrakten Bildern,
den Energien der Farben zu. Erreicht die Malerei in der Abstraktion ihren eigentlichen
Zenith?


A.L.: Ich war in meiner Malerei immer auf der Suche nach der Wesentlichkeit, nach der
Essenz, nach der reinen Kunst. Das Gegenständliche ist eine bestimmte Ausformung zu einer
möglichen Greifbarkeit dessen. Zum Begreifen auch von Natur und Dinglichkeit. Um
allerdings dem Wesen von Natur und Dingen näher zu kommen, ist das Unfertige, das sich in
der Abstraktion artikuliert, diesem näher als das vermeintlich Fertige, ausformuliert im
Dinglichen. Es fällt schwerer, ja es ist fast unmöglich, in der Nachahmung von Natur, im
Abbild von Wirklichkeit das Unbegreifliche sichtbar zu machen. Ich habe das Gefühl, dass in
der Abstraktion das Wesentliche in einer unverstellten, absoluten Form sichtbar wird. Die
reinste Form der mir möglichen Malerei kann nur die abstrakte sein.


W.K.: Aber erschöpft sich das Erfassen des Wesentlichen in der Abstraktion nicht im
Erahnen?


A.L.: Das hängt davon ab, wie der Beschauer sensibilisiert ist. Wenn er ein Organ dafür
entwickelt hat, wird er das in seiner ganzen Fülle empfangen.


W.K.: Also bleiben nur die „happy few“ übrig?


A.L.: Durch die vielfache Erfahrung mit moderner Kunst erschließt sich dieses Geheimnis
viel mehr Menschen, als wir glauben. Der seelische Gehalt in der abstrakten Form berührt die
Menschen zutiefst. Sie sind durch Übung darauf bestens vorbereitet.

W.K.: Ihr Werk ist grundiert im deutschen Expressionismus. Haben Sie viel zu lange gezögert,
den Schritt in die Abstraktion zu wagen?


A.L.: Gerade die Brücke-Maler, die ich sehr schätze, haben das Abenteuer, sich mit der Form und
mit der Farbe auf die ihnen eigene Art zu beschäftigen, voll absorbiert. Die Brücke-Maler
haben Ungeheures geleistet, die Tür aufgestoßen zum nächsten großen Abenteuer. Ihre
Malerei ist so überwältigend, dass man das Figürliche geradezu vergisst. Sie haben sich vom
Motiv bereits weitestgehend getrennt und sind über die Farbe zu einer reinen, geistigen
Malerei vorgedrungen. Hätten sie auch noch den Schritt in die Abstraktion getan, wären sie
ins Schwimmen geraten. Die Zeit war einfach noch nicht reif. Auch ich habe eben dafür
Jahrzehnte gebraucht, um das Problem beherzt anzupacken.


W.K.: Wird das Problem auch deshalb so heiter und spielerisch gelöst, weil Sie Ihren
Emotionen wenig Zwang antun?


A.L.: Ich musste sehr alt werden, um mich auf diese Freiheit einzulassen. Unterbewusst war
ich mein Leben lang mit der Suche nach dem Stein der Weisen, wenn ich das so nennen darf,
beschäftigt. Die Suche nach Handschrift oder Stil schien mir uninteressant. Bei all meinen
Experimenten, als die ich meine gesamte Malerei verstehe, wollte ich in die Tiefe des
Sichtbaren vordringen. Ich wollte den Kern meiner Arbeit bloßlegen. Durch Strindbergs
Essay „Über den Zufall im künstlerischen Schaffen“ ist mir plötzlich klar geworden, wie mir
gelingen könnte, den Primat des Unerklärlichen in Bildern zu vergegenwärtigen. Das zu
erreichen gelingt nur, wenn man sich selbst vergisst und sich als Assistent und Partner der
Natur versteht.


W.K.: Ist dieses Selbstvergessen zugleich auch die Rücknahme von Kontrolle auf das
Malgeschehen, um dem Zufall die beherrschende gestalterische Kraft zu übertragen?


A.L.: Das Auswählen ist eine sehr kreative und ganz entscheidende Tätigkeit beim Malen.
Hinter dem Auswählen steht eine unerklärliche Kraft, die die Entscheidung letztlich
herbeiführt. Das führt zu Zweifeln, zum Schwanken, zum Enttäuscht- und Irritiertsein. Oft
stellt man beim Arbeiten fest, dass man noch nicht genügend gereift ist. Dann muss man sich
in Geduld üben, man muss abwarten. Auf einmal stellt sich die Lösung ein. Kontrolle und
Korrektur allerdings beschränken sich hauptsächlich auf die Entfernung von störenden
Elementen.

Ich wähle Farben spontan oder intuitiv, manchmal eine, manchmal zwei, manchmal drei. Die
verdünne ich mit einer Flüssigkeit, vermische sie oder auch nicht. Das ist ein meditativer
Vorgang. Dann tränke ich ein Tuch mit dieser farbigen Tunke und warte den
Trocknungsvorgang ab. Ich überprüfe das Ergebnis und entscheide, ob ich den Prozess
wiederhole, zweimal, fünfmal oder auch gar nicht. Es kommt vor, dass das Bild auf Anhieb
gelingt und nicht einmal Störelemente aufweist. Es kommt aber auch vor, dass nach
mehrmaligen Versuchen nichts Gescheites entsteht, so dass ich das Bild vernichte. Ich lasse
mich selbst überraschen und bin erstaunt über den Reichtum an Möglichkeiten.
Wahrscheinlich ist der unerreichte Meister bei diesem Tun mein Instinkt.


W.K.: Sie leben in einem traumhaft schönen Ambiente aus Architektur, Licht und Natur. Die
Schönheit der Natur ist allenthalben spürbar. Kann der Maler mit Natur überhaupt
mithalten?


A.L.: Das kann er nicht. Er kann sich ihr bestenfalls als Diener und Partner zu nähern
versuchen. Erreichen wird er sie nie.
Wenn ich beispielsweise Meer und Himmel beobachte, werde ich demütig. Da ist alles von
Menschenhand Gemachte, da sind auch die Bilder der Künstler im Vergleich zur Natur
ohnmächtige Versuche, es dem Schöpfer gleichzutun.


W.K.: Die Natur ist dem Licht und damit der Lebensenergie gleich nahe wie dem Tod.
Begleitet den Künstler bei jedem Pinselstrich das memento mori?


A.L.: Für mich ist der Tod Teil des Lebens und somit auch Teil meiner Kunst. Der Tod ist
Heimkehr, so wie ein Tropfen in den Ozean zurückkehrt, so kehrt der Mensch in das
Unermessliche der Schöpfung zurück.


W.K.: Das ist die Haltung eines Christenmenschen …


A.L.: Mich berührt die Bergpredigt. Christus hat Liebe und Vergebung in die Welt gebracht.
Das ist entscheidend für meine Grundhaltung. Die Liebe braucht den Hass nicht. Sie braucht
Energie, nicht das Zerstörerische. In der Kunst wird die Gegenwelt zur zerrissenen,
realistischen Welt aufgezeigt.

W.K.: Ist außer der Liebe auch der Tod die treibende, ja vielleicht sogar die den Künstler am
stärksten inspirierende Kraft?


A.L.: Kürzlich habe ich notiert: „Ich bin nicht aus freiem Willen auf dieser Welt. Ich bin nicht
gefragt worden. Wenn man mich gefragt und mir erklärt hätte, wie das irdische Leben
verlaufen wird, fürchte ich, wäre ich ganz gewiss im ewigen Frieden geblieben.“ Die irdische
Welt ist kein sehr gelungenes Experiment.


W.K.: “Unser Leben, das sind flüchtige Formationen aus Treibsand, von einem Windstoss
gebildet, vom nächsten zerstört. Gebilde aus Vergeblichkeit, die verwehen, noch bevor sie sich
richtig gebildet haben“, resümiert Pascal Mercier. Kommen Sie zu einem ähnlich
melancholischen Fazit aus 90 Lebens- und 70 Schaffensjahren?


A.L.: In Merciers Satz ist mir zu wenig Hoffnung und kein Vertrauen in Utopien. Ich habe
gerne gelebt und mein Leben genossen. Freude am Leben und die Verzweiflung im Leben
waren und sind mir stets gegenwärtig. Mein Werk besteht aus Aspekten meiner verschiedenen
inneren Befindlichkeiten. Meine „Ecce-homo“-Serie ist Ausdruck der leidenden, verzweifelten
Kreatur. Die Bilder zu „What a wonderful world“ drücken meine naive Freude an der
Existenz aus. Mit meinen Capriccio-Bildern erfahre ich am Ende meines Lebens eine
Erlösung von einem unbewussten Problem. Ich erkenne, dass eine Gegenwelt zu unserer
verzweifelten irdischen Welt möglich wäre, an der ich als Künstler sogar mitarbeiten kann,
Bild für Bild. Und somit laufen in den Capriccios alle Fäden meiner Existenz zusammen. Die
Capriccios kommen meiner Utopie vom Ideal der reinen Kunst sehr nahe.
Frage: Damit können Sie behaupten, dass Ihnen das Wichtigste, was Sie sich als Künstler
vorgenommen haben, gelungen ist?


A.L.: Dass ich die Fähigkeit habe, der Natur als Partner zu dienen, manifestiert sich, wie ich
glaube, in den Capriccio-Bildern. Ob andere das nachempfinden, hängt von ihrer
Bereitwilligkeit und ihrer Sensibilität ab.